Stichwort: Pfarrer

Lagerlöf, Selma: Die Geschichte von Gösta Berling


Ausdrucksvoll war er, jung, schlank und hochgewachsen: Gösta Berling sah aus wie ein Pfarrer aus dem Bilderbuch. Leider aber waren seine Ge-meindemitglieder eher daran gewöhnt, ihn aus dem Wirtshaus kommen zu sehen, als ihn auf der Kanzel predigen zu hören. Natürlich mußte man ihn über kurz oder lang seines Amtes entheben, und nur der Majorin Samzelius war es zu verdanken, daß er die Nacht im Schnee, in den er sich zum Sterben gelegt hatte, überlebte. Sie brachte den reuigen Berling im Kavaliersflügel ihres Gutes unter, zusammen mit einem bunten Haufen, dessen lustvolle Ausschweifungen im ganzen Värmland bekannt wurden und bald ein böses Ende nehmen sollten. – In enger Tradition zur nordischen Sagenliteratur begeistert »Die Geschichte von Gösta Berling« bis heute durch ihren faszinierenden Helden und ihre kraftvolle Sprache.

Ekman, Kerstin: Am schwarzen Wasser

Mit ihrer Saga Am schwarzen Wasser erweist sich die Schwedin Kerstin Ekman — Trägerin aller wichtigen Literaturpreise ihres Landes — einmal mehr als epische Chronistin mit dem viel zitierten weiblichen Blick. Ihr Roman bietet jedenfalls sämtliche Motive auf, aus denen handfeste Frauenschicksale gestrickt werden: Hillevi, Mitte zwanzig und Hebamme, lässt Heimat und Familie hinter sich, um ihrem heimlichen Verlobten — einem Pfarrer — ins Jämtland zu folgen. In ihrem Tagebuch muss sie dann allerdings vornehmlich Kochrezepte vermerken. Denn was den Geistlichen betrifft, ereignet sich leider wenig Nennenswertes: Der Angebetete entpuppt sich als personifiziertes Exempel männlicher Feigheit und Entscheidungsschwäche. Ihren Annäherungsversuchen jedenfalls gibt er ausschließlich in stockdunklen Räumlichkeiten nach; und dabei ist er dann auch noch äußerst ungeschickt: „Nachdem er unter dem Mieder ihres Kleides das Hemd mit der Spitzenkante freigelegt und sich zu einer… Brust vorgetastet hatte, wimmerte er, als hätte er sich wehgetan. Es wurde auch an diesem Abend nichts.“
Da ist der Händler Trond Halvorsen schon eher ein Mann der Tat; und weil Hillevi infolge eines Tete-a-tete unter Tannenzweigen von dem sinnlichen Schwarzhaarigen schwanger ist, wird alsbald geheiratet. Denn die Initiationsreise der Hebamme beginnt 1916 — und dies in einer Region, in der Kinder aus nicht legitimierten Beziehungen in schmutzigen Hinterzimmern zur Welt gebracht und anschließend ausgesetzt bzw. getötet werden.

Detailbesessen dringt Kerstin Ekman, indem sie Hillevis Lebensgeschichte mit den Schicksalen der Einheimischen verknüpft, in kärglichste Armut, nordische Rauheit und ländlichen Aberglauben ein; sie spannt Bögen von Hillevis Aufbruch bis zur Hochzeit von deren Pflegetochter Risten, vom Jämtland bis nach Berlin. Dabei werden wir Zeugen unzähliger Ski- und Pferdeschlittenfahrten, heimlicher Liebschaften, brutaler Kindesmisshandlungen, männlicher Jagdrituale und weiblicher Konflikte zwischen (vermeintlicher) Pflicht und Neigung. Am schwarzen Wasser ist — mit anderen Worten — ein Roman für Liebhaber weit verzweigter Familiensagas, für Fans gut recherchierter (Sozial-)Historie — und für passionierte Frauenversteher. Christine Wahl — Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels. / Amazon

© 2002 - 2018 Schwedenstube by Karsten Piel All Rights Reserved