Stichwort: Tagebuch

Lindgren, Astrid: Die Menschheit hat den Verstand verloren

astrid_TagebuchAstrid Lindgrens Tagebücher aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges haben 70 Jahre danach für Aufsehen gesorgt. Jetzt sind sie auf deutsch erschienen. Als Beobachterin am Rand des grausamen Geschehens in Europa stellt Astrid wichtige Fragen, die heute wieder von erschreckender Aktualität sind. Was ist gut und was ist böse? Was tun, wenn Fremdenfeindlichkeit und Rassismus das Denken und Handeln der Menschen bestimmen? Wie kann jeder Einzelne von uns Stellung beziehen?

Doch Astrid Lindgren schildert nicht nur das Kriegsgeschehen. Sie erzählt auch von ihrem Familienleben und den ersten Schreibversuchen: 1944 schenkt sie ihrer Tochter das Manuskript von Pippi Langstrumpf zum Geburtstag. Die Ausgabe ist ein persönliches Zeitdokument einer sehr klugen Frau, die schon immer den Blick für das große Ganze hatte.

Ullstein Hardcover, 576 Seiten.

Das schwedische Original der Tagebücher haben wir bereits => hier vorstellen können.

Ekman, Kerstin: Am schwarzen Wasser

Mit ihrer Saga Am schwarzen Wasser erweist sich die Schwedin Kerstin Ekman — Trägerin aller wichtigen Literaturpreise ihres Landes — einmal mehr als epische Chronistin mit dem viel zitierten weiblichen Blick. Ihr Roman bietet jedenfalls sämtliche Motive auf, aus denen handfeste Frauenschicksale gestrickt werden: Hillevi, Mitte zwanzig und Hebamme, lässt Heimat und Familie hinter sich, um ihrem heimlichen Verlobten — einem Pfarrer — ins Jämtland zu folgen. In ihrem Tagebuch muss sie dann allerdings vornehmlich Kochrezepte vermerken. Denn was den Geistlichen betrifft, ereignet sich leider wenig Nennenswertes: Der Angebetete entpuppt sich als personifiziertes Exempel männlicher Feigheit und Entscheidungsschwäche. Ihren Annäherungsversuchen jedenfalls gibt er ausschließlich in stockdunklen Räumlichkeiten nach; und dabei ist er dann auch noch äußerst ungeschickt: „Nachdem er unter dem Mieder ihres Kleides das Hemd mit der Spitzenkante freigelegt und sich zu einer… Brust vorgetastet hatte, wimmerte er, als hätte er sich wehgetan. Es wurde auch an diesem Abend nichts.“
Da ist der Händler Trond Halvorsen schon eher ein Mann der Tat; und weil Hillevi infolge eines Tete-a-tete unter Tannenzweigen von dem sinnlichen Schwarzhaarigen schwanger ist, wird alsbald geheiratet. Denn die Initiationsreise der Hebamme beginnt 1916 — und dies in einer Region, in der Kinder aus nicht legitimierten Beziehungen in schmutzigen Hinterzimmern zur Welt gebracht und anschließend ausgesetzt bzw. getötet werden.

Detailbesessen dringt Kerstin Ekman, indem sie Hillevis Lebensgeschichte mit den Schicksalen der Einheimischen verknüpft, in kärglichste Armut, nordische Rauheit und ländlichen Aberglauben ein; sie spannt Bögen von Hillevis Aufbruch bis zur Hochzeit von deren Pflegetochter Risten, vom Jämtland bis nach Berlin. Dabei werden wir Zeugen unzähliger Ski- und Pferdeschlittenfahrten, heimlicher Liebschaften, brutaler Kindesmisshandlungen, männlicher Jagdrituale und weiblicher Konflikte zwischen (vermeintlicher) Pflicht und Neigung. Am schwarzen Wasser ist — mit anderen Worten — ein Roman für Liebhaber weit verzweigter Familiensagas, für Fans gut recherchierter (Sozial-)Historie — und für passionierte Frauenversteher. Christine Wahl — Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels. / Amazon

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